Schwachstelle Kreuzband: Gründe für Verletzungen und Lösungsansätze

Ein Schritt, ein Fehltritt, eine Landung mit viel Rücklage: Es braucht nicht viel, bis das Kreuzband reisst. Bis Ende 2022 fielen fünf der besten zwanzig Fussballerinnen wegen dieser Verletzung aus, allein nach zwei Spieltagen der Europameisterschaft waren drei Spielerinnen betroffen. Sie alle brauchen Geduld, denn es vergehen neun bis zwölf Monate bis zur Rückkehr aufs Feld. Die Auslöser für Kreuzbandrisse sind divers, wobei Lösungen jetzt erst thematisiert werden.

Erhöhtes Risiko aufgrund des Körperbaus

Die Gründe für Kreuzbandrisse sind vielseitig. Vor allem anatomische Faktoren führen bei Frauen zu erhöhtem Risiko, sodass besagte Verletzung bis zu sechs Mal häufiger als im Männerfussball auftritt.

Wie die Grafik rechts zeigt, erhöhen diverse Ursachen die Belastung auf das Kreuzband:

  • Das breite Becken der Frauen vergrössert den Quadrizepswinkel (rote Linie im Oberschenkel).
  • Der vordere Oberschenkelmuskel ist stärker als der hintere. Deshalb wird er mehr genutzt – und dementsprechend öfter belastet. 
  • Der höher gelegene Körperschwerpunkt führt zur Instabilität des Rumpfs, welche wiederum im Kniegelenk ausgeglichen wird.
  • Das Kreuzband verfügt über eine kürzere und weniger kräftige Struktur als bei den Männern.

(dreamstime.com)

In der folgenden Bilderreihe reisst sich Arsenals Starstürmerin Vivianne Miedema (Nummer 11, rotes Trikot) das Kreuzband. Genauso wie ihr Unfall entstehen 70% der Kreuzbandrisse ohne Körperkontakt. (youtube.com/dazn)

Die Faktoren im Knie sind nicht die einzigen biologischen Ursachen. Zahlreiche Studien kommen zum Schluss, dass Frauen zu gewissen Zeitpunkten während des weiblichen Menstruationszyklus verletzungsanfälliger sind. In der Ovulationsphase (um den Eisprung herum) sind Gelenke, Bänder und Sehnen noch elastischer als sonst, und die physischen sowie psychischen Effekte des prämenstruellen Syndroms können Unterleibschmerzen oder Müdigkeit auslösen.

Hohe Belastung beeinträchtigt die Gesundheit

Nebst den naturgegebenen Grundlagen des weiblichen Körpers erhöhen externe Faktoren das Risiko einer Knieverletzung. Stress macht sich im vollen Terminplan der Spielerinnen bemerkbar: Das kann die Doppelbelastung des Studiums oder Arbeit kombiniert mit täglichem Fussballtraining, wie es in der Schweizer Liga gang und gäbe ist, sein. Oder auch zwei Spiele pro Woche, wenn der Ligabetrieb, Cupspiele und die Women’s Champions League (UWCL) zusammenfallen. Aufgrund der EM, WM und Olympiade haben Nationalspielerinnen zusätzlich keine freie Sommerpause zur Erholung am Ende der Saison.

Diese Strapazen können die Gesundheit beeinträchtigen. Die schwedische Verteidigerin Magda Eriksson macht auf ihre dreimonatige Knöchelverletzung aufmerksam. Sie war das Resultat von Überlastung, mentaler und physischer Müdigkeit nach der Olympiade, der intensiven Ligasaison und den europaweiten Reisen an die UWCL-Spiele. Allerdings sind die Reaktionen auf eine derartige Überbelastung sehr individuell:

«Wenn man ein EM-Finale verliert, ist es ein bisschen schwieriger, zu regenerieren und das Spiel mental aufzuarbeiten. Aber die meisten Spielerinnen sind gesund geblieben. Deshalb kann man es nicht verallgemeinern.»

Deutsche Nationalspielerin Klara Bühl über mentale Müdigkeit

Zuletzt mangelt es an Infrastruktur und Gesundheitspersonal, also an guter Rasenqualität und Physiotherapeuten. Denn das Geld der Clubs wird erstrangig für Löhne eingesetzt – und dementsprechend wird weniger in die Infrastruktur- und Gesundheitsaspekte investiert.

Lösungsansätze nehmen langsam Fahrt auf

Fussballerinnen können mit spezifischen Übungen Kreuzbandrissen vorbeugen. Im Spitzensport aber sind weitere Faktoren wie die Regenerationszeit nach Trainings oder Spielen und Bewegungsabläufe ebenso wichtig. Jedoch fehlen dazu die nötigen Daten, die aktuellen Recherchen wurden für Männer gemacht und sind für Frauen nicht kompatibel. Laut dem «Tages Anzeiger» laufen jetzt erst wissenschaftliche Untersuchungen und Studien, die den weiblichen Körper im Zusammenhang mit dem Fussball betrachten. Ausserdem werde der Fokus neu auch auf den Einfluss des Zyklus gesetzt, im Fussball wie auch beispielsweise im Ski Alpin, wie die Zeitung schreibt.

Die Entwicklung eines Fussballschuhs, der auf Frauenfüsse zugschnitten ist, ist im Gange. (pinterest.com)

Die hohe Belastung zu bekämpfen ist herausfordernd: Momentan wehren sich Spielerinnen wie Trainer dagegen, der Ball liegt jedoch bei den Verbänden. Bayern München-Trainer Alexander Straus sagte dazu: «Man muss die Menschen, die Spielerinnen in den Vordergrund rücken, man muss sie schützen.» Denn FIFA-Präsident Gianni Infantino handelte jüngst genau entgegen dieser Denkweise. Er gab die Einführung der Nations League sowie der Club-WM im Frauenfussball bekannt. Dies wurde von allen Seiten scharf kritisiert. Englands Trainerin Sarina Wiegmann wies die Verbände klar zum Handeln an.

Der Frauenfussball wuchs enorm in den letzten Jahren, Unterstützungssysteme aber nicht in gleicher Weise mit. Es ist beinahe paradox: Die Popularität soll weiter steigen, aber nicht zulasten der Gesundheit. Straus sieht die Attraktivität des Sports nicht in der Quantität der Spiele, sondern «wenn die besten Spielerinnen einer Generation in ihren besten Jahren auf dem Platz stehen können.»

Kreuzbandrisse bei bekannten Spielerinnen waren der Weckruf

Die vielen Kreuzbandrisse, vor allem seitens der besten Spielerinnen, waren ein Weckruf. Wenn das Topteam Arsenal seine zwei «Tormaschinen» verliert und an dem von Infantino als «beste WM» angepriesenen Turnier im Sommer 2023 die Besten fehlen werden, wird die Öffentlichkeit vermehrt darauf aufmerksam. Für viele kommt es zu spät, auch im Schweizer Team erlitten schon mehrere Spielerinnen einen Kreuzbandriss: Meriame Terchoun erlebte bereits deren drei, und zwei weitere Schweizerinnen sind aktuell betroffen. Doch jetzt wird gehandelt, und die Problematik ist präsenter denn je.

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