Ein erster Vortrag in der Primarschule läuft meist unter dem Titel «Das ist meine Familie». Da wird die Familie präsentiert, das Alter der Geschwister genannt und erklärt, was Mutter und Vater beruflich machten. Dort spricht Mateo Messi über seinen Papi Lionel, den Fussballprofi. Und auch Ragnar Frank Árnason kann von seinem Mami, der zweifachen Champions-League-Siegerin, erzählen.
Das unerwartete Lohnproblem
Ob und wie das Szenario eintreffen wird, steht in den Sternen. Ragnar Frank Árnason ist der knapp zweijährige Sohn von Sara Björk Gunnarsdóttir, ihres Zeichens aktive Fussballerin bei Juventus Turin und isländische Nationalspielerin. Die Geburt ihres Sohnes während der laufenden Karriere im November 2021 war keine Selbstverständlichkeit. Denn die Reaktionen der Fussballwelt zwangen sie, vor Gericht zu gehen.
Im April 2021 verkündigte Björk Gunnarsdóttir ihre Schwangerschaft. Es war ihre erste Saison beim französischen Club Olympique Lyon, und die damals 30-Jährige entschloss sich, die Wochen vor der Geburt in der Heimat Island zu verbringen. Ihr Club sicherte ihr öffentlich seine Unterstützung zu. Dann bekam Björk Gunnarsdóttir ihren ersten Lohn nicht. Sie erachtete es als einen ungewollten Fehler, bis mit dem zweiten Salär dasselbe geschah.

Auf ihr Nachhaken reagierte Lyon ausweichend. Es stellte sich heraus, dass der Club dem französischen Gesetz über Krankheitsurlaub anstelle der Fifa-Mutterschaftsrichtlinien folgte. Kurzum: Der frisch gebackenen Mutter wurde nicht die gesamte Entlöhnung zugesprochen.
Zum ersten Mal schriftlich festgehalten
Sara Björk Gunnarsdóttir zog den arbeitsrechtlichen Fall mit der Spielervereinigung Fifpro vor Gericht und gewann im Mai 2022 die Verhandlung gegen Olympique Lyon. Natürlich wurde die Angelegenheit publik, und das rückte eine grosse Baustelle ins Scheinwerferlicht.
Der noch junge Frauenfussball entwickelt sich laufend und seine Kernthemen an der Front – wie ein Profidasein – etablieren sich zuerst. Gerade kommt die Aufmerksamkeit für den Sport auf ein gutes Niveau, während sich Faktoren wie Löhne, Infrastruktur und Gesundheitsfragen weniger schnell vorwärtsbewegen.
Noch eine Ebene weiter hinten warten noch andere Aspekte auf Fortschritte – und darauf, dass man sich ihrer annimmt. Fortschritte, die Zeit brauchen. Breitensport und Mutterschaft sind zwei der solchen.
Schwangerschaften und alles, was sie mit sich bringen, thematisieren Verbände, Clubs und Medien bislang selten. Erst 2017 veröffentlichte Fifpro einen globalen Bericht, der einen Zusammenhang zwischen Schwangerschaften und «früh» zurückgetretenen Spielerinnen hervorhob.
Per 1. Januar 2021 folgte ein neuer Artikel in den RSTP (Regulations on the Status and Transfer of Players) der Fifa, der Grundlagen für Mutterschaftsschutz festlegt. Der Paragraf wurde zum ersten Mal auf Anstoss und Vorarbeit von Fifpro formuliert. Die damals bereits bestehenden Regeln aus dem australischen Rugby und Netball dienten als Leitfaden – es waren die einzig verfügbaren.
Bei der Durchführung hapert es
Bis im Juli 2021 hätten alle 211 Mitgliederverbände die Änderungen geregelt und umgesetzt haben sollen. Eine Herkulesaufgabe, da einige Länder überhaupt keine Gesetze für weibliche Arbeitnehmerinnen besitzen. Bis heute fehlt die Regelung in einigen Nationen, auch weil sie schlichtweg nicht die nötigen Kenntnisse haben.

Der Schweizer Fussballverband hat die Regelungen des Weltverbands nicht in den Basisvertrag aufgenommen. Eine schwangere Spielerin – bislang ist kein solcher Fall bekannt – könnte sich sowohl aufs Schweizer Recht als auch auf die Fifa-Normen beziehen. Wenn diese Option jedoch nicht in ihrem Vertrag steht, weiss die Spielerin dann auch davon?
Ähnlich ist das Szenario in Deutschland: Da bezieht man sich auf die geltenden Mutterschutzstandards. Einer schwangeren Arbeitnehmerin darf weder gekündigt noch das Gehalt gekürzt werden. Daran haben sich auch die Fussballclubs zu halten.
«Schwangerschaften werden mit einer Verletzung verglichen»
Björk Gunnarsdóttirs Fall schlug hohe Wellen. Ausgerechnet der Rekordmeister Olympique Lyon, der seit zwanzig Jahren mit einem engagierten Präsidenten als europäische Grossmacht und Vorreiter im Frauenfussball heranwuchs, versäumte es, seiner Spielerin den Rücken zu stärken.
Es hagelte Kritik an Lyon von allen Seiten, zumal die Situation vorhersehbar gewesen war. Dass eine junge Frau einen Kinderwunsch hegt, in ihren Zwanzigern eine Familie gründet und danach ihre Karriere weiterführen will, ist nicht wirklich eine Überraschung. Und passiert immer häufiger im Sport.
Innerhalb der Fussballwelt liegt der Ball bei Vereinen und zuständigen Entscheidungsgremien. Ein Umdenken ist nötig, denn eine Schwangerschaft bei Spielerinnen ist negativ behaftet. «Sie wird mit einer Verletzung verglichen», sagt die ehemalige dänische Fussballerin und Mutter Line Røddik Hansen.
«Ich wurde schwanger und trat zurück. Ich konnte nicht sehen, wie ich nach der Geburt weiterspielen würde.»
Line Røddik Hansen
Ihr Sohn kam im Juli 2021 zur Welt, im Dezember 2020 beendete sie ihre Karriere. Über die Möglichkeiten einer Mutterschaft im Profisport wurde weder informiert noch geredet. Røddik Hansen sah keinen Weg, beide dieser Abenteuer zu leben.


Kleinkinder an der Weltmeisterschaft dabei
Zwei Jahre später gibt es eine Perspektive. Leute wie Sara Björk Gunnarsdóttir und Line Røddik Hansen haben Türen geöffnet.
«Jetzt sind wir Vorbilder. Es war hart, aber wir ebneten den Weg. Als Nächstes muss der Dialog folgen.»
Line Røddik Hansen
2022 waren gleich fünf Mütter im Kader des isländischen Nationalteams an der Europameisterschaft. Zurzeit wuseln zahlreiche Babys durch das australische WM-Hauptquartier und auch die Deutsche Melanie Leupolz ist mit ihrem neun Monate alten Sohn nach «down under» gereist.
Die 29-Jährige ist nach einjähriger Babypause seit vier Monaten zurück auf dem Platz. Ihre duale Rolle Mutter-Sportlerin sei kräftezehrend, aber: «Ich wollte Frauen zeigen: Hey, ihr könnt beides machen.»

Leupolz ist bei Chelsea unter Vertrag. Der Club stellte ihr unter anderem eine Beckenboden-Spezialistin zur Verfügung. Es ist genau das, was die frischgebackenen Mütter von ihren Vereinen brauchen.
Die Mutterschaft stoppt nicht, sobald das Baby geboren ist. Von den Arbeitgebern braucht es Unterstützung im Nachhinein, wie eine Nanny, Support auf Auswärtsreisen oder eben spezialisiertes Training. Es ist ein System nötig, anstatt der Spielerinnen bis zur Rückkehr aufs Feld im Stich zu lassen.
«Kleinkinder geben uns Mitspielerinnen sehr viel Freude.»
Laura Freigang, deutsche Nationalspielerin
Fifpro bleibt präsent und hartnäckig, gibt den Erfahrungen von Spielerinnen eine Plattform und will den Mutterschaftsschutz weiter verbessern. Es ist ein Puzzleteil im Entwicklungsprozess des Frauenfussballs, bei dem ebenfalls gilt: Man muss erst säen, bevor man ernten kann. Sprich, es gilt in eine Spielerin zu investieren, damit sie ihr Bestes (zurück)geben kann.
«Eine Schwangerschaft ist der Start von etwas Schönem, nicht vom Ende deiner Karriere.»
Sanne Troelsgaard, dänische Nationalspielerin

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