Der Sport-BH
WM-Final 1999. Brandi Chastain reisst sich das Leibchen vom Oberkörper, fällt auf die Knie und jubelt über den amerikanischen WM-Sieg. Das Bild zierte am nächsten Tag die Frontseiten sämtlicher Zeitungen rund um den Globus.

Im amerikanischen Sportblatt, der «Los Angeles Times», fand sich ausserdem fünf Seiten weiter eine ganzseitige Reklame für eine Siegesparade durch zwölf Städte im kommenden Herbst. Der US-amerikanische Verband USSF schäumte, der besagte Plan war komplett gegen seinen Willen. Dieser Willen hätte beim ersten Gedanken gar nichts und beim zweiten Gedanken eine Siegesparade in Afrika vorgesehen, um dem WM-Triumph Tribut zu zollen.
Das Verhältnis zwischen dem Nationalteam USWNT und seinem Verband war ziemlich getrübt. Die «99ers», das Gewinnerteam der WM 99, wollten aus der Aufmerksamkeit Kapital schlagen. Einerseits erhofften sie sich mehr Aufmerksamkeit und damit mehr Fans. Andererseits war da der monetäre Aspekt: Die Siegestour versprach mit 1,2 Millionen Dollar gutes Geld und damit ein Stück mehr finanzielle Freiheit. Also heuerte das USWNT eine Eventfirma an, die sich der Tourplanung annahm.
Diesmal war es der Verband, der zu juristischen Mitteln griff. US Soccer wollte die Tour für 2 Millionen Dollar kaufen – und die Spielerinnen nach Afrika zur Siegesfeier schicken. Die Stars wie Julie Foundy oder Mia Hamm drohten mit ihrem Rücktritt, und nach zwei Tagen Geplänkel mit dem Verband setzte das Team sich durch.



Zwei Siegesparaden – eine nach der WM 1999 und eine nach der Olympiade 2000 – spülten 2,4 Millionen Dollar in die Kasse. Diese Summe wurde unter den «99ers» aufgeteilt, ohne dass ein Cent an den Verband floss. Was die Spielerinnen dem Verband jedoch überliessen, war die Siegestour. Seither ist es im Nationalteamvertrag festgehalten, dass das Team dieselbe Parade nach grossen Turnieren veranstaltet. Der Erfolg von 1999 führte auch zur ersten professionellen Frauenfussballliga. Obwohl sie bloss drei Saisons bestand, war es ein Anfang. Fussballerinnen wurden bezahlt, um zu spielen.
Das US-Nationalteam hatte dem Verband nicht zum ersten Mal die Stirn geboten. Nach WM-Gold und WM-Bronze in den Jahren 1991 und 1995 stand 1996 die Heimolympiade an. USSF versprach den Fussballerinnen einen Bonus bei einer Goldmedaille, den Fussballern aber einen Zustupf für einen Medaillengewinn. Ob es Gold, Silber oder Bronze war, spielte keine Rolle. Daraufhin stand ein Boykott im Raum, neun Spielerinnen schwänzten das Training. Doch man einigte sich.
Die guten sportlichen Leistungen des USWNT waren und sind ein unerschütterliches Fundament. Darauf bauten die jeweiligen Nationalteams über die Jahre ihr Vermächtnis auf. Diese Grundlage erlaubt es ihnen bis heute, nach den Sternen zu greifen.
Die Statue
WM-Final 2019. Megan Rapinoe rennt zur Eckfahne, bleibt abrupt stehen, breitet die Arme aus und blickt regungslos mit entschlossenem Gesicht in die Ferne. Die pinke Haarpracht geht in den sozialen Medien nicht zum ersten Mal um die Welt. Dieses Mal ist sie sinnbildlich für den langen Kampf des amerikanischen Frauennationalteams USWNT für Gleichberechtigung.

Denn die Generation nach den «99ers», dem Gewinnerinnenteam der Heim-WM 1999, ist ebenfalls gespickt mit Frauen, die für sich einstehen. Und laut werden: 2016 klagten fünf Spielerinnen gegen den Verband USSF wegen Lohndiskriminierung.
Ein Jahr später einigte man sich auf eine Lohnerhöhung, nicht aber auf Lohngleichheit. Immerhin sind die US-Frauen definitiv erfolgreicher als die amerikanischen Männer, vier WM- und Olympiatitel stehen einer WM-Bronzemedaille gegenüber.

Wenige Monate vor Megan Rapinoes Pose klagte das USWNT wieder, diesmal wegen Geschlechtsdiskriminierung. Die Frauen hatten inzwischen einen weiteren WM-Titel gewonnen. Nun dauerte es drei Jahre, bis der Verband 2022 den Rechtsstreit für 24 Millionen Dollar beilegte. Im Zuge dessen wurde ein neuer Tarifvertrag ausgehandelt. Die Entschädigungen und andere Arbeitsbedingungen wurden zwischen den Frauen- und den Männernationalmannschaften angeglichen.
Mit ihrem vierten und vorerst letzten Triumph gewannen die Amerikanerinnen vor Gericht – und an Popularität beim Publikum. Mit der schillernden Rapinoe an der Spitze setzten sie auch politisch ein Zeichen.
«I’m not going to the f*cking White House»
Megan Rapinoe weigerte sich bereits vor dem WM-Gewinn, den damaligen Präsidenten Donald Trump zu besuchen.
Eine Einladung ins Weisse Hause blieb – nicht wie sonst üblich – aus. Anstelle dessen zogen die Siegerinnen mit einem Car durch New York City. An dieser Siegesparade wurden sie von abertausenden Fans wie Popstars umjubelt und gefeiert. Weiter traf sich das Team mit Politikern und sprach an Veranstaltungen.
Das gesamte Nachspiel hatte eine unglaubliche Strahlkraft auf andere Fussballverbände und gar andere Sportarten. Das Bewusstsein für die Ungleichheiten im Sport wurde geschärft, die Popularität des Frauenfussballs in den USA nochmals erhöht. Die Frauen des USWNT, die erste wie auch die junge Generation, gelten als Vorreiterinnen: In vielen Ländern entflammte mittlerweile die Debatte um Gleichberechtigung.
Der Kuss
WM-Final 2023. Jenni Hermoso bekommt die Siegermedaille umgehängt, schüttelt den Offiziellen die Hand und bekommt von ihrem Verbandschef Luis Rubiales einen Kuss auf die Lippen gedrückt. Der Schmatzer revolutioniert den spanischen Fussball innert eines Monats.
Es war ein Umbruch, der sich bereits länger abgezeichnet hatte. Ein Jahr vor der WM traten 15 Spielerinnen zurück. Sie protestierten gegen die Methoden von Trainer Jorge Vilda, während Rubiales sich hinter den Coach stellte. Zwölf der 15 stellten sich für die WM «Down Under» wieder zur Verfügung.
Am 20. August 2023 dann krönten sich die Spanierinnen zu Weltmeisterinnen. Bei der Siegerehrung kam es zum Kuss-Eklat. Hermoso stellte sogleich klar: «Das hat mir nicht gefallen.» In den Tagen danach dementierte Rubiales die aufkommende Kritik erst und entschuldigte sich später in einer Stellungnahme des Verbands.
«Es war eine natürliche Geste der Zuneigung und Dankbarkeit. Der Präsident und ich haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander.»
Jenni Hermoso wird vom Verband zitiert – sie bestreitet, diese Aussage jemals getätigt zu haben.
Rubiales sah sich als Opfer, während er in den sozialen Medien bombardiert wurde. Er verweigerte seinen Rücktritt, Hermoso ihrerseits wollte nicht ins Nationalteam zurückkehren. Die Fifa suspendierte den Verbandspräsidenten vorübergehend, das spanische Sportgericht eröffnete ein Verfahren, und Spaniens Nummer Zehn als unfreiwillige Protagonistin erstattete Anzeige. Schlussendlich trat Rubiales im September zurück.
Doch das Chaos war angerichtet, die Diskussion um Sexismus aufgeflammt. Unter dem Hashtag #seacabó (deutsch für: «Schluss jetzt») stellten sich zahlreiche Teams quer durch die Fussballwelt hinter Hermoso. Den frischgebackenen Weltmeisterinnen war der Abgang von Rubiales wie auch der des gesamten Trainerteams zu wenig. Sie streikten weiter.

Nichtsdestotrotz bot die neue und erste Frau als Trainerin der Spanierinnen die Protestierenden für die nächsten Partien in der Nations League auf. Den Spielerinnen drohte eine Sperre, also erschienen sie. In langen Verhandlungen bis in die Morgenstunden versprach der Verband «tiefgreifende» Änderungen.
Einen Monat nach dem bis dato grössten Sieg lief Spanien wieder zu einem Ernstkampf auf. Das Team im neuen Dress mit Weltmeister-Stern. Der Verband im neuen Gewand mit Reformen.
Jenni Hermoso kehrte Mitte Oktober 2023 in das Nationalkader zurück. Luis Rubiales wurde zwei Wochen später von der Fifa mit einem Fussball-Tätigkeitsverbot für drei Jahre belegt.
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