Am Bosporus tut sich was

Die Türkei, unsere Gegnerin in der jüngst abgeschlossenen Nations League, pusht «ihren» Frauenfussball proaktiv nach vorne. Interessant ist, wie der aktuelle Status Quo demjenigen der Schweiz von vor zwei bis drei Jahren ähnelt. Lässt sich aus der helvetischen Entwicklung eine Prognose für die türkische Zukunft machen?

Am Anfang stand die Freundschaft

Immerhin hat die Schweiz besonders in den letzten fünf Jahren grössere und kleinere Hürden genommen und sich so gesteigert. Über das Tempo lässt sich streiten, doch Fakt ist: Zweimal standen sich die Schweiz und die Türkei in der diesjährigen EM-Qualifikation 2025 gegenüber, zweimal ging die Schweiz als Siegerin vom Platz.

Auf das schmeichelhafte 3:1 Zuhause folgte ein 2:0 in Izmit. So gelang der Schweizer Gruppensieg in der Nations League just in dieser Stadt, aus der 1954 die ersten türkischen Kickerinnen stammten. Dabei handelte es sich um einen Kurzeinsatz zwischen zwei einmalig zusammengestellten Teams. Daraufhin ruhte das Projekt «Frauenfussball» in der Republik weitere 15 Jahre.

Erst um 1970 – also zeitgleich mit der Gründung des Damenfussballclubs Zürich – gab es den ersten Frauenclub. Dostluk Spor (zu Deutsch «Freundschaft») hatte als Pionier keine Gegnerinnen und spielte daher eine Art Präsentationsspiele gegen Herren-Mannschaften im ganzen Land.

Wendepunkt Ligasponsor

Der Aufwand trug Früchte, es folgten mehr Vereine und 1993 – erneut parallel zur Schweiz – organisierte sich der erste Ligabetrieb. Zehn Jahre hielt das Gerüst, bis es die vernachlässigten Grundmauern nicht mehr tragen konnten. Aufgrund schlechter Strukturen und mangelhafter bis gänzlich fehlender Nachwuchsarbeit sackte die Liga zusammen.

Mit der Liga wurden auch die Spielerinnen älter, doch von unten kamen keine frischen Kräfte nach – der türkische Frauenfussball versandete im Abseits. (ntv.com.tr)

Nun läuft seit 17 Jahren der zweite Versuch. Der Staat richtete Teams in Primarschulen ein, man holte türkische Doppelbürgerinnen mit internationaler Erfahrung und veranstaltete lange eine nationale U17-Meisterschaft. Die Zukunft ist gesichert, das Nationalteam wird vom Nachwuchs gefüttert.

Was die AXA für die Schweiz war, ist Turkcell für die Türkei. 2021 – genau, wieder beinahe zeitgleich – stieg der Mobilfunkanbieter als Ligasponsor ein und aus der ersten Liga wurde eine Profiliga, deren Meister in der Champions League (UWCL) mitmischt. Zwar reichte es bisher bloss in die Qualifikationsrunden. Doch seit die Männer-Topvereine wie Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş Frauenteams stellen, steigt das Niveau dementsprechend.

Und wahrhaftig: Die Türken trumpfen gross auf, machen den Frauenfussball auf Instagram, der Verbandswebseite oder mit Livestreams sichtbar. Es ist beinahe vorbildliche Arbeit auf nationaler Ebene. Oder wie es der Türkische Verband auf der Website festhält:

«Nach diesem grossen Durchbruch sponserten viele grosse kommerzielle Unternehmen, sowohl weltweit als auch landesweit, den türkischen Fussballverband, Vereine und Spielerinnen, und die Fortschritte im Frauenfussball wurden durch die grosse Macht der sozialen Medien sichtbar.»

Eine EM (mit)gestalten?

Nun soll der Funken aufs internationale Parkett springen. Dort fehlt es der Türkei noch an Zählbarem. Noch nie spielte das Nationalteam an einer Endrunde. Für die EM 2025 sieht es besser aus denn je, die Equipe von Necla Güngör Kırağası kämpft noch in den Playoffs gegen die Ukraine um einen historischen Platz als Qualifikantin.

«Wir wollen diesen Aufstieg fortsetzen»

Türkei-Trainerin Necla Güngör Kırağası über die rasante Entwicklung im Land

Doch wenn die Türkei künftig in die Fussstapfen der Schweiz treten und zur erweiterten europäischen Spitze rund um die Nations League A gehören will, müssen Resultate her. Noch tummelt sie sich in der Liga B und auf Rang 61 der Weltrangliste.

Die heimische Liga strotzt von einheimischen Akteurinnen, lediglich vier Nationalspielerinnen sind im Ausland unter Vertrag. Einerseits stützt das eine nachhaltige Entwicklung in der Türkei, andererseits würde das Land von internationaler Erfahrung profitieren.

Genauso geschah es nämlich in der Schweiz. Gut möglich also, dass in Zukunft mehr türkische Namen im Topfussball kreisen. Und wer weiss, wo die Entwicklung hingeht. Immerhin ist die EM 2033 noch an kein Land vergeben…

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