Exempel «Säuliamt»: Die Basis hat Lücken

Im Juli 2025 floss der Schweiss in den Schweizer Fussballstadien, während eine rot-weisse Euphoriewelle durch das Land rollte. Die Frauenfussball-Europameisterschaft (EM) war in aller Munde, «Frauen-Nati» wurde zum Wort des Jahres gekürt.

Auch nach der Winterpause wirkt die EM nach: In Hausen am Albis stehen «Wälti», «Lehmann» und «Xhemaili» auf dem Trainingsplatz – zumindest als Namen auf den Trikots zahlreicher D-Juniorinnen. Dank der EM wimmelt es von weiblichen Namen über den Nummern. Und dank fünf Vätern wimmelt es beim FC Hausen am Albis überhaupt von jungen, motivierten Kickerinnen auf dem Feld.

Elterliche Rettung im Trainernotstand

Vor vier Jahren organisiert eine Lehrerin in der Primarschule einmal wöchentlich eine Fussballlektion. Es machen einige Mädchen mit. Fortan wollen sie auch auf dem Pausenplatz einen Fuss am Ball haben. Die zusätzlichen Beine im Spiel verursachen Krach mit den Knaben. Kurzerhand wird der Platz aufgeteilt: ein Tag für die Mädchen, ein Tag für die Knaben.

Das Projekt «Tschutten» kommt ins Rollen. Über die Lehrerin, die selbst ehemalige Fussballerin beim FC Hausen am Albis ist, finden 13 Mädchen den Weg zu ebendiesem Verein und ein neues E-Juniorinnen-Team entsteht. Aus Schulstunden wird Freizeit, aus Lehrerin wird Trainerin und aus Interesse wird Begeisterung. Nach einem Jahr droht das Ende, die Trainerin zieht weg und hört auf.

Mehr als ein Team: Bereits vor der EM stehen in Hausen am Albis knapp drei Dutzend Mädchen auf dem Platz. (FC Hausen am Albis / Lutz)

«Das war ein Riesendrama», erinnert sich Marcus Lutz. Seine Tochter bringt die Nachricht im Sommer 2022 niedergeschmettert nach Hause. Also sitzen fünf Väter zusammen und teilen sich den Posten an der Seitenlinie auf. Lutz wird Assistenztrainer. Das Team expandiert, veranstaltet «Bring dini Fründin»-Tage und nimmt viele Schwesternpaare auf, sodass sich heute 35 Mädchen die Nockenschuhe schnüren.

Zentrale Anlaufstelle als Lösung

Der Ball rollt, das erste Ziel ist erreicht. Doch bis ein ganzer Spielzug vollführt ist, fehlen noch einige Pässe durch die lückenhafte Nachwuchsstruktur. Rund um den Bezirk Affoltern bieten zwar sechs Vereine Mädchenfussball an, doch keiner deckt alle Stufen von den F-Juniorinnen bis zu den Aktiven ab. Es fehlt an Trainern und Infrastruktur, wie überall im Breitensport. Gleichzeitig haben die einzelnen Vereine zu wenige Spielerinnen. Alle plagen dieselben Sorgen.

Marcus Lutz beschreibt es als «Henne-Ei-Problem»: «Um Strukturen aufzubauen, brauchen wir genug Mädchen. Und um Mädchen an den Ball zu bringen, brauchen wir genug Strukturen.» Die Lösung soll eine neue, gemeinsame Struktur sein. Im Bezirk Affoltern trägt sie den Namen Melina Steinemann.

Die 29-Jährige ist Leiterin Frauenfussball beim FC Hausen und als Initiantin am Ball, um den Frauenfussball am Albis zu revolutionieren. Ihre Vision: Eine Gruppierung im «Säuliamt», wie der Bezirk Affoltern auch genannt wird. Im Idealfall bilden die sechs Vereine ein organisatorisches Zuhause für alle 230 fussballspielenden Mädchen und Frauen (Stand Herbst 2025).

Ein Herzensprojekt: Melina Steinemann treibt den Frauenfussball vom Randsport ins Zentrum. (zVg / Melina Steinemann)

Das Resultat wären Juniorinnenteams auf allen Stufen – eine «Wunschvorstellung» für Steinemann: «So haben die Jüngsten einen vollständigen Ausbildungsweg und auch die Aktiven treffen Gegnerinnen auf demselben Leistungsstand.»

Mehr Niveaus bieten mehr Freude

Einerseits etabliert sich so ein System, in dem die erste Mannschaft ihre Spielerinnen aus dem eigenen Nachwuchs bezieht. Vom ersten Training bis zu den Aktiven verfolgen alle Teams dieselbe Spielidee.

Andererseits verschwinden die grossen Niveauunterschiede. Noch vor vier Jahren lösen sich die B-Juniorinnen auf und einige unter 15-Jährige dürfen nur dank Sonderbewilligung bei den Frauen weiterspielen. Die physischen Unterschiede Differenzen bremsen die Entwicklung auf alle Seiten.

«Wir wollen die Mädchen auf ihrem Leistungsniveau abholen», sagt Marcus Lutz. Kompetenz und Ambition divergieren im Juniorinnen- wie auch im Aktivbereich. Einige wollen mehr, andere sind beim Plausch zufrieden. Mit mehr Teams lassen sich unterschiedliche Ansprüche besser abdecken.

«Fakt ist, dass wir riesengrosses für den Frauenfussball im Säuliamt bewirken können»
Melina Steinemann, Leiterin Frauenfussball FC Hausen am Albis

Bei Mädchen kristallisiert sich ein deutliches Leistungsgefälle heraus, viele kommen erst verhältnismässig spät zum Fussball. «Das ist ähnlich, wie wenn ein Kind bereits vier Jahre Gitarre gespielt hat und ein gleichaltriges Kind mit zwölf Jahren zum ersten Mal das Instrument in die Hand nimmt, erläutert Lutz. Es sei schwierig, dann noch die Technik beizubringen. In den Bereichen Taktik, Athletik und Spielübersicht sei das kein Problem.

Zwangsläufige Revolution bahnt sich an

Eine Eine Gruppierung soll die Mädchen im Sport halten. Denn im Status quo sind bloss Wechseln oder Aufhören die Perspektiven: Im kommenden Sommer steigt ein Grossteil der Hausener D-Juniorinnen altersbedingt ins C auf. Allerdings führt der Verein kein Team auf dieser Stufe.

Auch darum arbeitet die langjährige Spielerin Melina Steinemann an ihrem Herzensprojekt. Sie hat mit allen Clubs gesprochen und bis Ende Januar wird über die Gruppierung entschieden.

Das Einzugsgebiet im Bezirk ist gross und normalerweise beschränken sich Gruppierungen auf zwei bis drei Vereine. Sechs Parteien zusammenzubringen, ist ambitioniert. Und es ist Steinemann Vision.

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