Um-, Auf- und Durchbruch

Adéu Alexia Putellas, auf Wiedersehen Alexandra Popp und goodbye Sam Kerr. Die Saison ist beendet und der Transfermarkt wird von Abgängen überflutet. Putellas verlässt den FC Barcelona nach der Hälfte ihres Lebens, Popp verabschiedet sich von Wolfsburg nach vierzehn und Kerr von Chelsea nach sieben Jahren. Es ist ein Adieu der ersten goldenen Generation des modernen Frauenfussballs.

Noch nie zuvor gaben Vereine auf einen Schlag so viele Transfers ihrer prägendsten und mitunter langjährigsten Spielerinnen bekannt. Barcelona droht Mapi León und Putellas an die London City Lionesses zu verlieren und Arsenal muss sein Urgestein Katie McCabe an seinen grössten Rivalen Chelsea abgeben. Die Clubs können ihre Besten schlichtweg nicht mehr selbstverständlich bei sich behalten und die Machtzentren verschieben sich.

Titel ohne Ende, bis jetzt: Was wird aus «Barça» ohne Weltfussballerin Putellas (und Mapi León und Ona Battle)? (fcbarcelona.com)

Früher war die Hierarchie klar

Die Machtverhältnisse verschieben sich also – aber nicht erst seit gestern. Wir machen einen kurzen Sprung auf dem Zeitstrahl in die 2010er-Jahre. Der Frauenfussball ist von einer klaren Hierarchie geprägt. Die Meistertitel konzentrieren sich auf wenige, aber sehr dominante Clubs und zwischen den Teams bewegt sich kaum was.

Damals ist Skandinavien vorne mit dabei. So wechselt auch Ramona Bachmann, eines der grössten Schweizer Talente, bereits 2007 nach Schweden zum zweifachen Champions-League-Sieger Umeå. Weitere Champions-League-Gewinner stellt Deutschland – mit Turbine Potsdam (später ist dort Lia Wälti engagiert), Frankfurt und Wolfsburg – sowie Frankreich mit Lyon, das bis 2020 fünffacher Serienmeister wird.

Auch in den europäischen Ligen hat jedes Land seinen Dauermeister. In der Schweiz führt ein Jahrzehnt lang (fast) kein Weg am FC Zürich vorbei. In Deutschland ist es Wolfsburg, in Frankreich Lyon, in den Niederlanden Enschede, in Österreich Neulengbach, in Norwegen Lillestrøm und in England Arsenal.

Eine Frauenfussballmoderne entsteht

Diese Dominatorinnen sind seit dem Jahr 2020 langsam verschwunden. Skandinaviens Vereine sind zu Ausbildungsligen geworden und in der Champions League mischen Barcelona und Arsenal um den Titel mit, wobei ihn Lyon bloss noch einmal gewinnt (2022). Derweil müssen Wolfsburg und Zürich in der heimischen Liga das Zepter an Bayern und Servette abgeben, in Österreich übernimmt St. Pölten, in Spanien dominiert Barcelona und in England heisst der Serienmeister Chelsea.

Auf dem europäischen Parkett bekommt Lyon Konkurrenz, in Frankreich aber schafft es auch Paris St. Germain nicht am Rekordsieger vorbei. (leparisien.fr / Olivier CHASSIGNOLE / AFP)

Die internationale Bühne ist Schauplatz ähnlicher Machtwechsel. Nach dem vierten WM-Titel insgesamt und dem zweiten in Folge haben die USA 2023 erstmals wieder das Nachsehen und Spanien krönt sich zum Weltmeister.

Grund dafür ist die Entstehung einer Frauenfussballmoderne. Das heisst, der Frauenfussball ist kein Zusatzprojekt mehr, sondern wird als strategisches Geschäft behandelt. Es fliesst an mehreren Orten viel Geld in den Sport. Dadurch wird er professioneller. Und sichtbarer: TV-Rechte werden ausgehandelt und die Zuschauerzahlen an Grossanlässen wie der Europa- oder Weltmeisterschaft explodieren. Es häufen sich auch die Publikumsrekorde in den Stadien.

Die Medien berichten und Sponsoren und Vereine investieren: In der Schweiz steigt die AXA als Ligasponsor ein, England entwickelt sich zur besten Liga der Welt und Barcelona setzt seinen Plan für den Frauenfussball konsequent um.

Erster Meilenstein der Moderne

Nun schreiben wir das Jahr 2026 und der Anstieg hält an. Die jüngsten Bewegungen auf dem Transfermarkt lassen sogar einen weiteren Durchbruch vermuten. Noch nie waren die Machtverhältnisse im europäischen Frauenfussball so instabil. Vom Aufbau des Sports kommen wir nun zu einer Konkurrenz unter mehreren Clubs und damit erstmals zu einer breiten Elite.

Die grossen Vereine verlieren ihre Stars, weil andere Clubs ebenso attraktiv sind. Der Markt wird konkurrenzfähig. Da gibt es die London City Lionesses, die – dank einer Investorin buchstäblich aus dem Nichts gekommen – von der zweiten in die höchste Liga aufgestiegen sind und eine Unmenge an guten Spielerinnen akquirieren.

Oder da ist Manchester City, das 2026 erstmals seit einem Jahrzehnt Meister wird und die fünf Jahre anhaltende Chelsea-Dynastie durchbricht. Auch dahinter steckt ein Verein, der die Förderung des Frauenfussballs priorisiert und eigens für das Frauenteam ein 10 Millionen Pfund teures Trainingszentrum baute.

Schweizer Schwung dank der EM 2025: Die YB-Fans sorgen für die höchsten Publikumszahlen der Liga und treiben ihr Team im EM-Jahr zum ersten Titel seit 2011. (bernerzeitung.ch / Claudio De Capitani (Freshfocus))

Überraschungen bleiben aus

Der Frauenfussball wird «normaler». Er wird chaotischer, aber damit auch attraktiver und zeigt Reife. Die Kluft zwischen Tabellenspitze und -ende hat sich dadurch nicht verringert. Auch Märchen wie das von Stade Lausanne Ouchy aus der zweithöchsten Liga, das den Final des Schweizer Männer-Cups diese Saison erreicht, bleiben aus. Die Elite verschiebt sich also, aber sie bleibt vorerst eine Elite.

Offen bleibt die Frage, wohin sich der Frauenfussball entwickelt. Gibt es deutliche Verschiebungen, indem sich andere Teams beispielsweise in Spanien dank der Abgänge Barcelonas aufdrängen können? Oder schnappt sich die Investorin der London City Lionesses das Monopol und es entstehen lediglich neue Superclubs?

Es steht ein weiterer Umbruch dieses Sports im Aufbruch bevor. Und es ist zweifelsfrei ein weiterer Durchbruch.

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