Eine Frau, die an Frauen glaubt

Als Jobbeschreibung auf Wikipedia steht bei Michele Kang: Investment. Bald könnte sich dazu der Titel «Fifa-Präsidentin» gesellen. Zumindest wird die US-amerikanische Unternehmerin als mögliche Anwärterin gehandelt. Gemäss der britischen Zeitung «The Times» will die Uefa Kang und Lise Klaveness als Kandidatinnen präsentieren.

Klaveness, die norwegische Verbandspräsidentin, ist der Öffentlichkeit spätestens seit der WM im Sommer 2026 bekannt. Sie hat den Weltverband, namentlich dessen Präsidenten Gianni Infantino, mehrfach kritisiert.

Jüngst im «Fall Balogun» mit der umstrittenen widerrufenen roten Karte an der WM oder zuvor in Sachen Menschenrechtssorgen rund um die WM 2022 in Katar. Die 45-jährige Juristin und ehemalige Nationalspielerin wird als Symbol des Widerstands gegen den Kommerz und Machthunger des Weltfussballs angesehen.

Dann ist da noch Michele Kang. Die 67-Jährige ist ebenso durchsetzungsstark wie Klaveness. Sie ist charismatisch und innovativ. Sie ist verhältnismässig neu in der Fussballwelt. Und sie ist eine der treibenden Kräfte hinter einer neuen Entwicklung im Frauenfussball.

Am Ursprung steht eine willensstarkes Kind

Michele Kangs Fussballleben ist noch jung. Es beginnt 2019, als sie zur Feier des WM-Titels des US-amerikanischen Frauenteams eingeladen wird. Am Capitol Hill lernt sie den Inhaber des Frauenfussballclubs Washington Spirit kennen. Bereits Ende des nächsten Jahres steigt Kang als Teilhaberin ein, im März 2022 übernimmt sie den Verein als Eigentümerin. Und das, obwohl sie einst nicht weiss, wer Lionel Messi ist.

Der Grund dafür ist simpel: Kang ist eine Frau, die an Möglichkeiten und Unabhängigkeit– besonders für Frauen – glaubt. Es liegt in ihrem Naturell, so zu denken und zu handeln. Sie hat es bereits ihr Leben lang getan. Die jüngste von drei Schwestern kommt 1959 in Seoul zur Welt. Bereits früh wehrt sie sich dagegen, das in den 70er-Jahren übliche Schicksal einer koreanischen Frau zu erleben.

«Das Problem war, dass ich mich noch nie besonders gut damit abfinden konnte, was ich tun ‚sollte‘ oder ‚nicht tun sollte‘. Vor allem wenn es darum ging, was eine Frau tun darf und was nicht.»

Michele Kang, «Think Differently, Defy Expectations-Speech» an Palm Beach Atlantic University (2019)

Das Geld, das ihre Eltern für ihre Hochzeit gespart haben, will sie in ein Studium in den USA investieren. Dank der unsicheren Situation in Seoul – die Diktatur wird von einer Demokratie abgelöst und protestierende Studenten sind mittendrin – erlauben es ihre Eltern. Ihr Vater ist selbst Professor und glaubt an Gleichheit und Chancen. Er, der einst selbst dank eines Stipendiums der US-Regierung dort studiert hat, ist von der westlichen Bildung geprägt.

Kang ist ist wissbegierig, erfragt als Kind bereits stets das «Warum». Und sie ist ambitioniert. Ihre Karriere für die drei Jahrzehnte nach ihrem Masterabschluss hat sie durchgeplant: Die ersten zehn Jahre will sie als Beraterin lernen, wie Unternehmen funktionieren. In den nächsten zehn eignet sie sich, trotz der Diagnose Brustkrebs, Führungsqualitäten in einem einflussreichen Unternehmen an, um das dritte Jahrzehnt als CEO eines solchen – schlussendlich ihr eigenes – zu verbringen.

Immer bereit, immer perfekt gestylt: Michele Kang. (ol.fr)

Private Investitionen wirbeln Sport auf

Ihre 2008 gegründete Gesundheitstechnologie-Firma «Cognosante» verkauft sie dann 2024. Kangs viertes Jahrzehnt soll ausdrücklich im Zeichen der Philanthropie, der Menschenliebe, stehen. Das tut es auch, nur in einem anderen Bereich als erwartet.

Sport an sich ist der US-Milliardärin nicht fremd, sie hat zu Jugendzeiten Basketball gespielt. Später ist Tennis ihr Lieblingssport geworden. Mit der Fussballwelt aber kommt sie erst 2019 am Capitol Hill in Kontakt, dank der Einladung eines Ex-Senators und Vorstandsmitglieds von Cognosante.

Für 35 Millionen US-Dollar hat die Geschäftsfrau daraufhin Washington Spirit akquiriert. Sie investiert in Management, Trainerstab und Kader. Und das in einer Liga, in der der Wert eines Teams noch nie über 5 Millionen US-Dollar geschätzt worden ist. 2023, ein Jahr darauf, erwirbt sie das Frauenteam Olympique Lyonnais Féminin, den Champions-League-Rekordmeister, und macht es vom Männerteam finanziell unabhängig.

«Ich sehe den Wert, und wenn ich nicht anfange, ihn zu schätzen, wer sonst wird es für uns tun?»

Michele Kang (Forbes)

«Ob ich nun fünf Millionen US-Dollar oder 35 Millionen US-Dollar bezahlt habe, macht keinen grossen Unterschied.»

Michele Kang (Forbes)

Wenige Monate später rettet sie die London City Lionesses, ein unabhängiger Frauenfussballclub, vor der Insolvenz. Mittlerweile lässt sie diesem Verein bis im Herbst 2027 ein Leistungszentrum für Frauenfussball bauen. Zudem investiert Kang in das Medienunternehmen «Just Women’s Sports».

Mit privaten Investitionen will Kang den Sport professionalisieren. Das zeigt vorerst Wirkung: In Washington haben sich die Einnahmen in Kangs ersten drei Jahren verdreifacht. «Olympique Lyonnais Féminin» wird in «OL Lyonnes» mit einem brüllenden Löwenkopf als Logo umbenannt, um Unabhängigkeit vom Männerteam zu repräsentieren.

Und die London City Lionesses sind von der zweiten in die höchste englische und weltweit kompetitivste Liga aufgestiegen. Kang gelingt es, einige der namhaftesten Spielerinnen wie Alexia Putellas, Jana Fernandez und María León vom Überflieger FC Barcelona abzuwerben, das Kader mit Routiniers wie Mary Earps und Danielle van de Donk zu stärken und so die Kräfteverhältnisse im Frauenfussball zu verschieben. Ihre erste Saison im englischen Oberhaus vollenden die Lionesses 2026 gleich auf Rang sechs.

Einfluss auf die Besten: Beim Testspiel der USA (Rang 2 der Weltrangliste) und Spanien (Rang 1) stehen beim Anpfiff fünf Spielerinnen auf dem Feld, die bei einem von Kangs Clubs spielen (Endstand: 0:2). (nytimes.com / Georgia Soares / Getty Images)

Michele Kang im Gespräch mit «ihrer» Washington-Spirit- und US-Nationalteam-Stürmerin Trinity Rodman. (fortune.com / Elysia Su—ISI Photos/Getty Images)

Mehrfachbesitz als Sprungbrett?

Ihre drei Teams in den USA, England und Frankreich orchestriert Michele Kang unter einem Hut. 2024 gründet sie dafür «Kynisca Sports International», gemäss der Website die «erste globale Organisation, der mehrere Vereine angehören und die sich ausschliesslich dem Frauenfussball widmet». Benannt ist die Institution nach der ersten weiblichen Olympiasiegerin der Antike.

Währenddessen ist Mehrfachbesitz, auch Multi-Club-Ownership genannt, im Männerfussball eine Kontroverse. Dabei hält eine Investorengruppe oder eine Einzelperson Anteile an mehreren Vereinen gleichzeitig. Kritiker sehen darin Interessenskonflikte mit sportlichen Ambitionen, Budget, Vereinsidentität oder Politik.

Kang versucht, dieses Multi-Club-Ownership als Novum im Frauenfussball positiv zu besetzen. «Im Frauenbereich ist ‘multi-club’ eine Notwendigkeit, kein Luxus und keine Gier», sagt sie gegenüber der «New York Times». Es sei der Weg, zu investieren und zu professionalisieren. Und zwar «zu dem Level, welches sie [die Fussballerinnen] verdienen und zu dem Potential, das Frauenfussball hat.»

Die Vision der Investorin setzt bei einem strukturellen Problem an. Frauenfussballclubs fehlt vielerorts das Kapital, um Infrastruktur, Nachwuchsförderung und professionelle Strukturen aufzubauen. Die Bündelung von Ressourcen kann deshalb ein Vorteil sein.

Doch sie schafft auch neue Abhängigkeiten von eben dieser Investorin und ihren Entscheidungen. Wie nachhaltig das Modell ist, zeigt sich nicht nur an Titeln und Transfers, sondern auch daran, ob die Clubs langfristig wirtschaftlich tragfähig werden.

Schlussendlich will Kang Geld verdienen. Dafür nimmt sie Investitionen und Risiken in Kauf und legt eine zuweilen geschäftliche Rücksichtslosigkeit an den Tag. Ihre Wikipedia-Jobplakette «Investment» kommt nicht von ungefähr. Dazu hat die Geschäftsfrau eine Chance erkannt und gehört zu einer der Ersten, die sie ergriffen hat. «Forbes» schätzt das Vermögen der koreanisch-stämmigen Frau im Jahr 2026 auf 1.1 Milliarden US-Dollar.

«Das ist keine Wohltätigkeit (…) Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, zu beweisen, dass das ein gutes Geschäft ist – nicht nur ein Geschäft, sondern ein gutes Geschäft.»

Michele Kang (Forbes)

Auch im Männersport Fuss gefasst

Michele Kang ist eine Visionärin. Sie ist mit Awards ausgezeichnet worden, sitzt in mehreren Vorständen von Kultureinrichtungen und lässt vor allem ihre Taten sprechen. So auch in anderen Frauensportarten: 2024 sitzt Kang in Paris am Olympia-Bronzespiel des Siebner-Rugbys der Frauen neben dem Vorsitzenden des US-amerikanischen Rugbyverbands.

Ein Gespräch in der belebten Stadionatmosphäre später verlässt Kang das Spiel vier Millionen US-Dollar leichter. Die Spende für den nächsten Olympiazyklus bis 2028 an die US-amerikanischen Bronzemedaillen-Gewinnerinnen hat Kang «unerwartet» getätigt und nennt es «ihre eigne kleine Weise», um dem Sport mehr Aufmerksamkeit zu bringen.

Auch in der Fussballwelt handelt Kang zielstrebig. Im Juli 2026 setzt Kang definitiv auch ihren zweiten Fuss in den Fussball. Diesmal bei den Männern.

Die 67-Jährige übernimmt Olympique Lyon mit Anteilen zu 87.8 Prozent. Dazu gehört unter anderem ein Investment von 71 Millionen Euro über zwei Saisons, da der Club hochverschuldet ist. Ironischerweise verlässt der Verein damit ein Multi-Club-Netzwerk. Dessen Vorsitzender und Verlierer des Deals hat daraufhin Vorwürfe der Rufschädigung gegen Kang erhoben.

Dabei gibt es bereits im Vorjahr finanzielle Probleme. Der Zwangsabstieg des Männerteams in die zweite französische Liga ist nur knapp und auch dank der damals neuen Co-Führung unter Kang verhindert worden.

Die Geschäftsfrau, Investorin und Philanthropin glaubt an ihre Visionen. (mujerhoy.com)

Eine Kandidatur für das Fifa-Präsidium wäre für Kang nun der nächste grosse Schritt mitten ins Epizentrum der (Männer-)Fussballwelt. Im Frauenfussball hat Kang längst gezeigt, was sie mit Kapital, Strategie und Vision bewegen kann. Ob sich ihr Modell bewährt, bleibt offen. Genauso wie die Frage, ob sie an der Spitze des Weltverbands etwas verändern könnte.

Bis im November 2026 werden offizielle Bewerbungen angenommen, im März 2027 wird gewählt. Es wäre ein Teil eines weiteren, ungeplanten Jahrzehnts in Michele Kangs Leben.

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